Der Osnabrücker Hafen, Probleme und Chancen

Die Schleusenproblematik

1916 wurden Osnabrücker Hafen und Stichkanal eröffnet. Damals lag der Hafen vor den Toren der Stadt, heute ist er ein innenstädtischer Stadtteil. Zwei Schleusen ermöglichen den Anschluss an den Mittellandkanal: Die Haster und die Hollager Schleuse.

Die beiden Schleusen stammen ebenfalls aus dem Jahr 1916 und wurden in den 1970er Jahren grundlegend saniert. Die Abmessungen ihrer Kammern betragen 10 x 82 Meter. Das war 1916 sicherlich imposant, für heutige Ansprüche sind sie aber deutlich zu klein. Schon die "Europaschiffe" aus den 1960er Jahren sind mit ihren 85 Metern Länge zu groß, heutige 110 Meter lange Großmotorgüterschiffe (GMS) oder sogenannte Übergroße GMS erst recht. Außerdem bietet der Hafen nicht genügend Tiefe für die großen Schiffe und eine Vertiefung würde eine komplette Erneuerung der Spundwände nach sich ziehen.

 

Der Hafen war lange Zeit eines der wirtschaftlichen Zentren Osnabrücks. In neuerer Zeit jedoch ändert sich das. Zum einen verlagert sich die um den Hafen angesiedelte (Schwer-)Industrie, zum anderen laufen immer weniger Schiffe den Hafen an. Im Jahr 2008 brach der Umschlag im Osnabrücker Hafen z.B. um 50% ein (Quelle). Die Stadtwerke Osnabrück AG, die 1958 den Hafenbetrieb übernommen hatte, hatte 50 Jahre nach dieser Übernahme ein Problem. Ein sehr existenzielles Problem!

 

Lösungen wurden gesucht, die möglichst für beide Probleme passen, die mangelnden Schiffe und die abwandernde Industrie. Daher gab die Stadwerke Osnabrück AG im Jahr 2008 eine "Machbarkeitsstudie" in Auftrag, die sich mit dem Schiffsumschlag beschäftigte und die Verlagerung des Hafens nach Bohmte empfahl. Geplant wurde dabei, dass sich "... die gemeinsame Eisenbahn- und Hafengesellschaft von VLO und Stadtwerken Osnabrück um den Betrieb der Hafenanlage kümmern ...“ wird (Neue Osnabrücker Zeitung vom 25.7.2013).

 

Extra zu diesem Zweck gründeten Landkreis Osnabrück und Stadtwerke Osnabrück AG am 17. Oktober 2011 eine eigene Betriebsgesellschaft, die Eisenbahn- und Hafenbetriebsgesellschaft Region Osnabrück (EHB). Noch Mitte 2015 erhob die EHB auf ihrer Homepage den Anspruch, auch für den neuen Hafen in Bohmte zuständig zu sein. Weil das aber mit den Bedingungen der öffentlichen Förderung des Hafenprojekts kollidiert, steht inzwischen dort: „Entwicklung der Häfen in Stadt und Landkreis Osnabrück“.

 

Der zweite Lösungsweg war die Suche nach einer Neunutzung der Hafenflächen, wenn der Schiffsumschlag dort nicht mehr stattfinden sollte. Weil die Umnutzung eines ganzen Stadtteils eine große städtebauliche Dimension besitzt, wurde sie zusammen mit der Stadt Osnabrück durchgeführt. Es wurde untersucht, zusammen mit der Fachhochschule Osnabrück dort ein "Kreativ- und Wissenzentrum" aufzubauen.

 

Eigentlich war 1965 im Rahmen des geplanten Mittellandkanalausbaus auch eine Vergrößerung der Schleusen am Stichkanal Osnabrück beschlossen worden, allerdings fanden die Arbeiten niemals statt. Stattdessen beschlossen Bundes- und  niedersächsische Landesregierung, den Standort Osnabrück für die Güterschifffahrt auf Dauer aufzugeben und sich die Kosten von ca. 90 Millionen Euro für den Schleusenausbau zu sparen. In einer Antwort am 26.09.2014 auf eine kleine Anfrage des Osnabrücker Abgeordneten Burkhard Jasper antwortet das niedersächsische Wirtschaftsministerium (im überraschend leutseligen Verkäuferton):

 

"Der schiffsseitige Umschlag von Containern wird zukünftig vor den Toren Osnabrücks stattfinden. Am Mittellandkanal im Bereich von Bohmte wird eine neue schiffseitige Umschlaganlage für den Kombinierten Verkehr entstehen.

Künftig wird der wasserseitige Containerumschlag durch den Bau des Containerterminals in Bohmte im ständig wachsenden Markt der Containerverkehre eine sehr zukunftsorientierte Perspektive erfahren, die auch für die Unternehmen im Umkreis des Hafens Osnabrück eine große Bedeutung haben wird.

Diese Entwicklung wird durch die Außerbetriebnahme des Steinbruchs Piesberg in Osnabrück (voraussichtlich bis 2015) beschleunigt, da dann nur ein einziger größerer Umschlagsbetrieb, der auf die Wasserstraße angewiesen ist, übrig geblieben ist (ein großer Schrotthandel, der die Georgsmarienhütte südlich von Osnabrück mit Recyclingmaterial versorgt). Diese Umschlagsmengen lassen sich voraussichtlich innerhalb dieses Zeitraumes auch nach Bohmte verlagern, insbesondere weil der Recyclingschrott mit der Bahn vom Hafen Osnabrück zur Georgsmarienhütte transportiert werden muss. Dieser Bahntransport ist mit einer relativ geringen Streckenverlängerung auch von Bohmte [aus] möglich."

(Quelle)

 

Weder die Stadt Osnabrück als betroffene Kommune, noch die Stadtwerke Osnabrück AG als Betreiberin, noch das niedersächsische Wirtschafts-ministerium als obere Planungsbehörde geben dem wasserseitigem Warenumschlag in Osnabrück also noch eine Chance!

 

Neue Nutzungsmöglichkeiten für alte Hafenflächen

Der Osnabrücker Hafen ist als gewerblicher Hafen nicht nur aufgrund der Schleusenproblematik gefährdet, sondern auch aufgrund seiner Lage. Während er zu seiner Entstehung 1916 vor der Stadt lag, ist die inzwischen um ihn herum gewachsen. So ergibt sich die städtebaulich interessante Situation, dass der Hafen nun innenstadtnahe Flächen besetzt, für die auch andere Nutzungen vorstellbar wären, von denen große Anziehungskräfte ausgehen.

 

In der Binnenschifffahrt findet zurzeit ein umfassender Strukturwandel statt und aus vielen ehemaligen gewerblich-industriellen Hafenstandorten werden begehrte Wohnorte, Kultur- oder Freizeitparadiese. Ob supermoderne Yuppie-Enklave wie Canary-Wharf in London, Kunst-, Veranstaltungs- und Kultur-zentrum im Duisburger Innenhafen oder anspruchsvolles innerstädtisches Wohnen mit gleichzeitig hohem Freizeitwert wie in unserer Nachbarstadt Münster. Die Neu- und Umnutzung von Hafengelände als Ausweg aus wirtschaftlicher Krise wird an vielen Stellen stark propagiert.

 

Auch für Osnabrück. Die Stadt stellt umfangreiche Überlegungen an, welche Nutzungen auf dem Gelände erwünscht und möglich sind. Die Fläche vergrößerte sich nochmals um mehrere Hektar, als im Jahr 2008 die Britische Rheinarmee die von ihr genutzte Winkelhausenkaserne aufgegeben wurde.

 

Die Stadtwerke Osnabrück

Für die Stadtwerke Osnabrück als Flächeneigentümerin und (mittelbare) Hafenbetreiberin stellt sich die Situation wie folgt dar:

 

Das Geschäftsmodell "Umschlag von Gütern" hat am Standort Osnabrück auf Dauer keine Perspektive mehr. Dafür könnte das Geschäftsmodell "Vermarktung attraktive Flächen" von großem Interesse sein.

 

Dass die Stadtwerke Osnabrück durchaus bereit sind, gewerbliche Flächen z.B. zu luxuriöse Wohnzwecke umzunutzen, haben sie mit der "Entwicklung" des ehemaligen Busdepots an der Lotter Straße in Osnabrück vor einigen Jahren bereits bewiesen. Dort gab es eine ähnliche Situation: Das Depot war wirtschaftlich nicht mehr zu betreiben und hätte umfassend saniert werden müssen. Gleichzeitig stellte seine Lage zwischen Katharinenviertel und Westerberg einen sehr großen Anreiz dar, die Fläche für hochpreisige Wohnbebauungen zu nutzen. Das neue Depot wurde hingegen an der Luisenstraße an der Grenze zum (für Investoren) weniger attraktiven Stadtteil Schinkel gebaut. Für das Vorgehen wurden die Stadtwerke zwar kritisiert, die Kritik blieb allerdings folgenlos.

 

Jedenfalls hat die Stadtwerke Osnabrück AG sich nicht vom Osnabrücker Hafengelände getrennt, sondern es im Gegenteil sogar noch erweitert, indem sie Teile der Winkelhausenkaserne von der Bundesimmobiliengesellschaft (BIMA) hinzugekauft und einer weiteren Stadtwerke-Tochtergesellschaft, der "ESOS - Energieservice Osnabrück GmbH" übertragen hat. Inzwischen wurde mit dem Abriss von (eigentlich denkmalgeschützten) Gebäuden und der Umnutzung begonnen. Mit großem Stolz verkündet ESOS-Geschäftsführer Ingo Hannemann: "Für weitere Konversionsaufgaben sind wir gerüstet“. (Quelle)